Der Boxsport bleibt – Jung-Siegfried und die Postboxer
Wer das Buch über den Post SV Hamburg gelesen hat, weiß, dass der Verein nicht nur im Fußball, Handball, Radball oder Hockey, sondern auch im Boxsport über viele Jahre hinweg äußerst erfolgreich war. Die Frage nach den Ursachen dieses Erfolges lässt sich heute nicht immer eindeutig beantworten – doch gelegentlich tauchen Quellen auf, die ein Stück Erklärung liefern.
Ein solches Fundstück ist der untenstehende Zeitungsausschnitt vom 9. Juni 1936, der einen entscheidenden Moment der Vereinsgeschichte dokumentiert: die Auflösung des Schwerathletik-Vereins Jung-Siegfried und den anschließenden Übergang seiner Boxer zum Post-Sportverein Hamburg.
Jung-Siegfried zählte zu den ältesten Schwerathletik-Vereinen Deutschlands. Seine Gründung ging noch auf den Einfluss des legendären Carl Abs zurück, und über Jahrzehnte hinweg hatte der Verein das Hamburger Boxgeschehen maßgeblich geprägt. Umso größer war die Erschütterung in der Wilhelmsburger Sportszene, als die Nachricht von der Vereinsauflösung bekannt wurde. Der Zeitungstext spricht davon, dass sie „wie eine Bombe“ eingeschlagen habe – verbunden mit der selbstkritischen Frage, warum Verein und Veranstaltungen zuletzt nicht mehr ausreichend unterstützt worden seien.
Gleichzeitig macht der Artikel deutlich, dass der Boxsport damit keineswegs am Ende stand. Vielmehr wurde rasch nach einer Lösung gesucht, um den Trainingsbetrieb und die sportliche Entwicklung der Boxer fortzusetzen. Vereinsführer Materla hatte sich rechtzeitig mit dem Post-Sportverein Hamburg in Verbindung gesetzt, der finanziell auf gesunder Basis stand und bereit war, den Boxern von Jung-Siegfried eine neue Heimat zu bieten. So kam es zu einem nahezu geschlossenen Wechsel der Aktiven – weniger als Übernahme, sondern als bewusster Schritt zur Sicherung des Boxsports.
Trainiert wurde fortan im Lokal Ernst Schulte, Hindenburgstraße 114, wo dienstags und freitags regelmäßige Übungsabende stattfanden. Mit Hugo Kochel, einem über Hamburg hinaus bekannten Boxtrainer, verfügte der Post SV über eine fachlich herausragende Persönlichkeit, die die Trainingsarbeit leitete und aus dem vorhandenen „prachtvollen Material“ technisch hochstehende Boxer formen sollte.
Für den Post SV bedeutete dieser Zuwachs einen enormen sportlichen Gewinn. Erfahrung, Können und gewachsene Strukturen aus der Jung-Siegfried-Tradition flossen in die Boxabteilung ein und bildeten eine stabile Grundlage für die kommenden Jahre. Der nachhaltige Erfolg der Postboxer in der Nachkriegszeit lässt sich ohne diesen personellen und kulturellen Übergang kaum erklären.
Der Zeitungsausschnitt von 1936 steht damit exemplarisch für einen typischen Vorgang der Sportgeschichte: Ein traditionsreicher Verein verschwindet – doch seine sportliche Substanz lebt weiter. Im Fall von Jung-Siegfried fand sie im Post SV Hamburg eine neue organisatorische Heimat und schrieb dort ein wichtiges Kapitel der Hamburger Boxgeschichte fort.
